Welcher Fleischrassenstier passt am besten zu meinen Milchkühen?

Unbestritten stammt der Löwenanteil des Einkommens auf einem Milchwirtschaftsbetrieb aus der erfolgreichen Vermarktung der produzierten Milch. Mit der Modernisierung der Milchviehzuchtprogramme und der konsequenten Selektion nach einem Gesamtzuchtwert, der auf einer wirtschaftlichen Basis aufgebaut ist, lassen sich interessante Zusatzeinkünfte erschliessen. Wie solche Zusatzeinkünfte generiert werden können und welche Konsequenzen sich daraus für die Betriebe ergeben, wird im nachfolgenden Artikel beschrieben.

In traditionellen Michviehzuchtprogrammen, wie sie bis vor der Einführung der genomischen Selektion vor mehr als zehn Jahren praktiziert wurden, hatte die Verbesserung der Milchleistungsmerkmale eine sehr grosse Bedeutung. Diese Ausrichtung der Zuchtprogramme auf eine konsequente Steigerung der Milchleistung führte zu einem enormen Effizienzgewinn in der Milchproduktion. Gleichzeitig veränderten sich aber auch andere Merkmale. Bei den Merkmalen, welche eine negative genetische Korrelation zur Milchleistung aufweisen, wie zum Beispiel bei Fruchtbarkeitsmerkmalen oder bei der Nutzungsdauer, erfolgte eine unerwünschte Entwicklung. Diese Entwicklung lässt sich anhand der graphischen Darstellung der genetischen Trends illustrieren. Die Abbildung 1 zeigt die genetischen Trends des Fruchtbarkeitsindexes als Beispiel. Als Konsequenz der negativen Entwicklungen der Fruchtbarkeit und der Nutzungsdauer mussten in sehr vielen Betrieben alle Kühe und Rinder für die Remontierung der eigenen Herde belegt werden. Dies verhinderte eine gezielte Auswahl der Kühe, welche sich am besten als Mütter der kommenden Generation eigneten. Zusätzlich resultierten auch aus rund der Hälfte der Belegungen männliche Milchrassekälber, für welche es keine geeignete Absatzmöglichkeit gibt.

Abbildung 1

Modernisierung der Zuchtprogramme

Unter dem Begriff «Modernisierung der Zuchtprogramme» sollen verschiedene Entwicklungen zusammengefasst werden. Diese haben dramatische Veränderungen in der Milchviehzucht ausgelöst. Mit der immer stärkeren Verbreitung der genomischen Selektion wurden auch immer mehr Kühe und Rinder genotypisiert. Dies erlaubt eine sehr frühe und genaue Rangierung der weiblichen Tiere und somit eine gezielte Auswahl der besten Rinder und Kühe in Bezug auf deren genetisches Potential für die Ausprägung von wirtschaftlich wichtigen Merkmalen. Zusätzlich führt die breite Verfügbarkeit von gesextem Samen dazu, dass die Rate an unerwünschten männlichen Kälbern drastisch reduziert werden konnte. Die Kombination dieser beiden Entwicklungen reduzierte die benötigte Anzahl an Belegungen für die Herdenremontierung erheblich.

Verbesserung der Fruchtbarkeit und der Milchleistung

Abbildung 2

In Irland konnte die Forschungsgruppe um den Wissenschaftler Donagh Berry mittels der konsequenten Umsetzung eines Gesamtzuchtwertes mit allen wirtschaftlich wichtigen Merkmalen zeigen, dass eine gleichzeitige Verbesserung der Fruchtbarkeit und der Milchleistung möglich ist. Eine analoge Entwicklung ist auch bei der Verbesserung der Nutzungsdauer denkbar. Die züchterische Verbesserung der Fruchtbarkeit und der Nutzungsdauer zusammen mit einer gesteigerten Milchleistung führen auch zu einer Reduktion der Anzahl Belegungen für die Remontierung von weiblichen Tieren in einer Milchviehherde. Zusammengefasst können wir hier feststellen, dass durch die drei in der Abbildung 2 dargestellten Entwicklungen die Anzahl Belegungen für die Herdenremontierung reduziert werden kann. Durch diese Reduktion lassen sich ein Teil der geborenen Kälber einem alternativen Nutzen zuführen. Ein naheliegender Alternativnutzen besteht in der Fleischproduktion.

Damit diese Art des Alternativnutzens optimiert werden kann, müssen die für die Fleischproduktion reservierten Belegungen mit Fleischrassenstieren erfolgen. Die aus diesen Belegungen resultierenden Nachkommen haben eine bedeutend bessere Absatzchance als die überzähligen männlichen Nachkommen aus den traditionellen Zuchtprogrammen. Geeignete Fleischrassestiere lassen sich mit dem Werkzeug namens «Dairy-Beef-Index» (DBI) auswählen. Der DBI wurde in Irland entwickelt und dort auch erfolgreich umgesetzt. Der DBI hilft den Milchviehbetrieben die geeigneten Fleischrassestiere für ihre Milchkühe auszuwählen. Für diese Auswahl wird der erwartete Nutzen aus dem Kreuzungskalb optimiert. Dabei erhalten die Geburtsmerkmale und die Gesundheit der Milchkuh eine besonders grosse Beachtung. Insgesamt wurden im DBI die folgenden zehn Merkmale berücksichtigt: Kalbeverlauf, Trächtigkeitsdauer, Aufzuchtverlust, Futteraufnahme des Kalbes, Schlachtgewicht, Fleischigkeit, Fettabdeckung, Minimalanforderungen an den Schlachtkörper, Temperament des Kalbes und Hornstatus des Kalbes. Diese Merkmale wurden nach ihrem erwarteten Einfluss auf den wirtschaftlichen Nutzen gewichtet. Diese Gewichtungsfaktoren werden als wirtschaftliche Gewichte bezeichnet. Die gewichtete Summe aus den geschätzten Zuchtwerten der Einzelmerkmale und den wirtschaftlichen Gewichten entspricht dem Wert des DBI. Dieser DBI-Wert kann für jeden Fleischrassestier berechnet werden und so können die verfügbaren Stiere nach den DBI-Werten rangiert werden. Diese Rangliste bildet das Werkzeug für die Milchviehbetriebe, um die geeigneten Fleischrassestiere auszuwählen.

Entwicklung mit Projekt Beef-on-Dairy in der Schweiz

In der Schweiz wird aktuell ein Gesamtzuchtwert für den Rindfleischsektor entwickelt. Als Teilprojekt dieser Entwicklung des Gesamtzuchtwertes, geht es darum das Konzept des DBI an Schweizer Verhältnisse anzupassen. In einem ersten Schritt wurden die wirtschaftlichen Gewichte für die in der Schweiz verfügbaren Merkmale des DBI berechnet. Dazu waren die detaillierten Kosten und Erlöse für zwei verschiedene Produktionssysteme erforderlich. Die Fleischkreuzungskälber wurden entweder als Tränker an Mastbetriebe verkauft oder sie wurden auf dem Milchviehbetrieb direkt ausgemästet und als Mastkälber verkauft. Als Vaterrassen wurden entweder frühreife Fleischrassen, wie beispielsweise Angus oder frohwüchsige Rassen, wie Limousin oder Charolais in Betracht gezogen. In einem nächsten Schritt werden die erwarteten Zuchtfortschritte für die einzelnen Merkmale unter verschiedenen Szenarien und Produktionssystemen abgeschätzt. Sobald konkrete Resultate aus dem Teilprojekt des DBI für die Schweiz vorliegen, werden diese in den Fachmagazinen der Zuchtorganisationen publiziert werden.

Schon im Verlauf des DBI-Teilprojektes für die Schweiz lässt sich mit Sicherheit ein substanzieller Zusatznutzen für die Milchviehbetriebe vorhersagen. Dieser Nutzen entsteht durch den gezielten Einsatz von Fleischrassestieren auf Milchkühe, deren Kälber nicht für die Remontierung benötigt werden (Abbildung 3). Zusätzlich dazu entfällt die Problematik der unerwünschten männlichen Milchrassekälber, für welche keine geeigneten Absatzkanäle existieren. Der hier beschriebene Zusatznutzen ist für jeden Milchviehbetrieb realisierbar, vorausgesetzt, dass er seine weiblichen Tiere genotypisiert und dass für die Remontierung gesextes Sperma eingesetzt wird. Die dadurch entstehenden Mehrkosten sollten mit den gesteigerten Erlösen für die Kreuzungskälber gedeckt sein. Mittel- bis langfristig wäre auch eine Zusammenarbeit zwischen Milchviehbetrieben und Fleischrinderproduktionsbetrieben denkbar, wobei weibliche Kreuzungskälber als Remonten in den Fleischrinderbetrieben sicher sehr gefragt wären.

Abbildung 3